VVV-Hinsbeck > Dä Hänsbäcker Jüüt
Mit dem Beinamen „Hänsbäcker-Jüüte" sind Menschen gemeint, die es verstehen, andere zu bespritzen, ohne sie naß zu machen. Diese und ähnliche Formulierungen erinnern an die niederländischen Ausdrücke „guyten", so viel wie spotten, Ein Bleicher mit Jüüt bei der Arbeit, Stich 17. Jahrhundert.„Juit" ist ein Spaßmacher. Es ist der Typ des sympathischen, hart arbeitenden Menschen, der sich und andere mit harmlosem Jux erfreut, ermuntert und vom Alltag ablenkt. Es entspricht seinem Wesen, niemandem ernstlich zu schaden oder ihn gar zu verletzen. Auf dem Umweg über das Arbeitsgerät der Leinenbleicher ist es möglich, in dieser Arbeit über Handel und Gewerbe in Hinsbeck auch ein Bild der agierenden Menschen zu zeichnen, wie es nur selten aus Archivakten zu entnehmen ist. Wenn in früheren Zeiten Leinenweber und Händler aus der Umgebung ins Bergdorf kamen, um ihre Gewebe zur Prüfstelle zu bringen oder um Leinwand einzukaufen, dann wurden in Ermangelung von Zeitungen dabei auch Neuigkeiten ausgetauscht. Den Hinsbecker Jüüten kam dabei zugute, daß ihnen ein Informationsvorsprung zugetraut wurde.

Der Bleicher arbeitet mit reinstem Wasser aus der Quelle, aus der 'Quelle der Weisheit'. Die Zuhörer vergessen rasch, daß „die Jüüt" Wasser schöpft und „der Jüüt" bei seinen Erzählungen auch schöpferisch tätig wird. Den leichtgläubigen Zuhörern wird das Neueste und Absonderlichste taufrisch untergeschoben. Wenn die Heimgekehrten später davon erzählten, bekamen sie oft zu hören: „Dich habbe se schoen naat gemäkkt. Do bös ene Jüüt en die Häng jefalle". Eine Fülle von Wortspielen und Redewendungen rankt sich um die Sphäre: „Mit en Jüüt jet wies gemäck", „jemanden auf die Schippe oder Schöppe nehmen", „Da Düwel hat Kermes" sagen die Leute, wenn es regnet und die Sonne scheint. „Da Düwel halt sin Großmodder op de Bleek". Bei der Bleicharbeit entsteht ein Regenbogen; das Sonnenlicht löst sich auf. „Da Jüüt" kann beim hellen Sonnenschein hinters Licht führen. Seine Gewebe werden bei der Arbeit bleich, blank, glänzend und blinkend wie Blei und Blech. Man kann auch „Blech reden" oder Blödsinn. All diese Worte sind mit dem Ausdruck Bleichen verwandt und den Hinsbecker Jüüten nicht unbekannt.

Der Jüüt
Der Figur des Jüüten von Loni Kreuder auf dem Marktplatz Hinsbeck


Quelle:
Walter Tillmann: Handel, Gewerbe und Landwirtschaft in Hinsbeck in:
Hinsbeck - Beiträge zu Geschichte, Sprache und Natur

Foto: Ralf Hendrix

_______________________________________________________________________________________________

06. Mai 2010 - Nettetal

Was steckt hinter den „Jüüten“ ?


Hinsbeck. Seit wenigen Tagen ist eine neue Schrift des ausgewiesenen Textilkenners Walter Tillmann auf dem Markt. Darin macht sich der Gründer des Textilmuseums „Die Scheune“ vergnügliche Gedanken über die Begriffe „Nach Strich und Faden“, „Süüvernaajel“ und „Jüüte“.


Die Idee zur 20-seitigen Schrift kam dem Textil-Ingenieur nach einem Besuch der ARD-Sendung „Wissen macht Ah“, die auf der Suche nach einer Erklärung für das textile Sprichwort „Nach Strich und Faden verwöhnen“ waren.

Kurzerhand tauchte der Viersener tief in die textile Historie ein und förderte bei seinen Nachforschungen viel Wissenswertes zu Tage. So untersuchte der Handwebermeister die Gewebebahn seines Gehilfen, da nur ein Gewebe, dass nach Strich und Faden einwandfrei ist, gutes, brauchbares Gewebe war. Bei der Durchsicht der Gewebe wurden auch kleine Unebenheiten entfernt. Der Niederrheiner spricht dann von „süüvere“. Dazu nutzte der Weber dann einen lang gewachsenen Nagel an seiner Hand. Da nicht überliefert ist, ob es nun der kleine Finger oder der Nagel des Daumens war, mit dem der Handwerker unerwünschte Fasern auskratzte, ließ sich Tillmann im Selbstversuch die Nägel seiner kleinen Finger - als sogenannten „Süüvernaajel“ lang wachsen. Später stellte sich heraus, dass der Daumennagel besser geeignet ist.

Passenderweise wurde dem Viersener just in der Zeit des Selbstversuches der Hinsbecker Ehrenring - Jüütenring - verliehen. Diese kleine Schrift ist daher allen Mitgliedern des Verkehrs- und Verschönerungsverein gewidmet, die Tillmann mit der Verleihung des Rings als „enne ächte Jüüt“ anerkennen. Was ist aber ein echter „Jüüt“? In unserem Verständnis ist der Jüüt ein Leinenbleicher, steht aber auch für den Spaßmacher, der sich mit Jux von der harten Arbeit ablenkt.

Daneben ist die Jüüt aber auch die Bezeichung für die Schöpfkelle des Leinenbleichers, die er zum Nassmachen der Textilien benötigte. Das hochdeutsche Wort für das Arbeitsgerät ist „Güte“. Diese und weitere Beobachtungen auch zu Spirchwörtern rund um den Fingernagel fasst Tillmann in der interessanten Schrift zusammen. Ergänzt werden die spannenden Berichte durch hurmorvolle Zeichnungen des Karikaturisten Heinz Stenmans.

Die Schrift ist zum Preis von einem Euro im Textilmuseum erhältlich und jedem ans Herz zu legen, der sich Sprichwörter, Textilgeschichte oder einfach für die „Jüüte“ interessiert.

Quelle: GrenzlandNachrichten

Tillmann